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Hauptsache Ehrensache - Spannungsfeld von Haupt- und Ehrenamt

 

Erfahrungen der Weltladen Betreiber eG zum ersten Projekt in Frankfurt-Bockenheim 

 

Gibt es noch Leute die sich im Weltladen ehrenamtlich engagieren wollen? Über Jahrzehnte hat das ehrenamtliche Engagement von Freiwilligen die Weltläden in Deutschland zu einem relevanten Sektor im Handel gemacht. Der Faire Handel wächst immer weiter, die Idee des Fairen Handels ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Weltläden bleiben die wichtigsten Absatzkanäle für fair gehandelte Produkte in Deutschland, weil sie die Glaubwürdigkeit und das Potenzial besitzen, die Idee des nachhaltigen Wirtschaftens an die Verbraucher*innen in Deutschland weiterzugeben. 

Allerdings spüren viele Weltläden, dass es zunehmend schwieriger wird, ehrenamtliche Mitarbeiter*innen zu gewinnen. Ist das Modell des Ehrenamts noch nachhaltig oder ist es  an der Zeit, den Fairen Handel hauptamtlich zu organisieren?

Im Blick zurück zeigt sich: die ersten Hauptamtlichen im Weltladen-Sektor waren fast ausschließlich Bildungsreferent*innen. Und sie waren überwiegend fremdfinanziert durch Kirchen, Stiftungen oder andere Zuschussgeber. Ihr Auftrag war eigentlich die Bildungsarbeit, aber in vielen Fällen konnten sie daneben auch die Koordination der Ladenarbeit oder gar Ladendienste übernehmen.

Hauptamtlichkeit fand sich in der Weltladenbewegung früh auch in Sektoren wie der Reinigung oder der Buchführung. 

Spannend wird es aber, wenn es um Hauptamtlichkeit bei der Ladenleitung oder der Organisation des Weltladens geht. Manche Läden lehnen diese Form der Professionalisierung in Gänze ab: die Aufgaben seien so gut verteilt, dass jede und jeder etwas zum Ganzen beitrage und daher niemand für das entlohnt werden müsse, was er oder sie beisteuert.

Beim ersten Projekt der Weltladen Betreiber eG in Frankfurt-Bockenheim stand die Frage der Gewinnung von Freiwilligen weit oben auf der Tagesordnung. Kann die Genossenschaft genügend Freiwillige Mitarbeiter*innen mobilisieren und dauerhaft gewinnen, um das Ladenprojekt umsetzen zu können? Das Gründungskonzept sieht vor, dass die neuen Weltläden von Anfang an mit mindestens einer bezahlten Kraft für die Shopleitung arbeiten. Eine bezahlte Ladenleitung mit unbezahlten Freiwilligen – ein spannendes Modell!

Drei Schlüsselqualifikationen für Hauptamtliche

In langen Diskussionen erarbeitete die Genossenschaft ein Stellenprofil für die geplante Weltladen-Leitung. Am Ende kristallisierten sich drei Schlüsselkompetenzen heraus, die erforderlich sind, um einen Weltladen erfolgreich leiten zu können:

  • Überzeugung und Begeisterung für die Weltladen-Idee
  • Fachkompetenz im Einzelhandel
  • Hohe Fähigkeiten im Umgang mit Menschen wie auch mit Technik 

Die in der Folge erarbeitete Ausschreibung veranlasste zahlreiche interessante Kandidat*innen, ihre Bewerbung einzureichen, so dass eine qualifizierte Besetzung der Stelle möglich war.

Die Aufgabe der Ladenleitung wird im Ehrenamtlichen-Team akzeptiert und deckt sowohl strategische als auch operative Aufgaben ab.

Möglicherweise macht es Sinn, auch in Ihrem Weltladen einmal die Tätigkeiten und Zuständigkeiten zu überprüfen und zu erwägen, ob eine Leitungsperson nicht für den Laden eine Hilfe darstellt.

 

Ehrenamtliche brauchen klare Aufgabendefinition

Mindestens so wichtig wie bei Hauptamtlichen ist die konzeptionelle Klarheit beim Ehrenamt: Die Erwartungen an die Freiwilligen sollten klar und konfliktfrei definiert werden.

Unter den Rubriken

  • Was erwartet mich im Weltladen?
  • Welche Arbeit mache ich als Freiwillige*r im Weltladen?
  • Was bringe ich mit?

wurden klare Erwartungen an mögliche Freiwillige formuliert. Der neue Weltladen ging mit 15 Freiwilligen an den Start, darunter auch Menschen, die bislang nicht unbedingt im entwicklungspolitischen Kontext tätig waren. Erfreulich: Seit der Eröffnung kommen immer wieder neue Interessent*innen dazu! Sie werden gebeten, sich der Ladenleitung vorzustellen, im Gespräch werden die wechselseitigen Erwartungen ausgetauscht, der gewünschte und mögliche Zeitumfang der Mitarbeit geklärt  und schließlich entscheiden Ladenleitung und Genossenschaftsvorstand gemeinsam über die Mitarbeit.

Die Erfahrung der Genossenschaft zeigt, dass klar formulierte Erwartungen an die Freiwilligen die Chancen erheblich verbessern, Interessierte zu finden.

 

Ehrenamt braucht gute Begleitung

Die kontinuierliche und intensive Begleitung und Betreuung der Interessent*innen erweist sich als weiterer Erfolgsfaktor: Die Benennung eines zentralen Ansprechpartners erleichtert dem Weltladen die Koordination und den Interessent*innen die Kontaktaufnahme. Über diese Ansprechpartner werden die ersten Informationen ausgetauscht, Schulungstermine vereinbart und Fragen beantwortet. Diese Betreuung vermittelt den Interessent*innen den Eindruck, dass sie ernst genommen werden und sorgt für einen guten, einheitlichen Kenntnisstand der neuen Mitarbeiter*innen. Auch die Korrektur falscher oder unrealistischer Erwartungen ist durch solche klaren Ansprechpartner leichter zu leisten. Insofern können wir jedem Weltladen nur raten, einen festen Ansprechpartner für neue Mitarbeitende zu benennen.

 

Ehrenamtliche brauchen Schulung

Auch die intensive Schulung und Einarbeitung erwies sich im Nachhinein als sehr sinnvoll. Diese verpflichtenden Schulungen umfassten die Bereiche

  • Grundkenntnisse im Fairen Handel
  • Leitlinien der Arbeit im Weltladen
  • Kassenbedienung 

Diese Schulungen vermittelten den Freiwilligen ein sehr guten Einblick in das Thema Fairer Handel. Insbesondere die Schulung zu Leitlinien der Arbeit im Weltladen war hilfreich, die Ziele und Maßgaben der Genossenschaft zu erläutern und die Freiwilligen davon zu überzeugen. Ein Schulungskonzept zur regelmäßigen Auffrischung der Kenntnisse und zu anderen Themen wie Warenkunde und oder Verkaufstraining werden angeboten.  Nach einer kurzen Zeit sehen wir, dass das Team zusammenwächst. Sie lernen nach und nach, die Aufgaben zu meistern. Auch die vorhandene Unsicherheit gegenüber dem Kassensystem konnte durch die Schulung aufgelöst werden und das Freiwilligen-Team fühlt sich von der Leitung gut betreut und angeleitet. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sehr wohl noch möglich ist, Freiwillige für die Weltladenarbeit zu finden. Dafür ist jedoch eine klare Struktur mit definierten Rechten, Pflichten und Aufgaben hilfreich. Die Bereitschaft der Freiwilligen zur Fortbildung ist erfreulich hoch – wichtig ist daher, entsprechende Schulungen auch anzubieten.

Die oft heiß diskutierte Frage nach Hauptamtlichkeit oder Ehrenamtlichkeit tritt nach unserer Erfahrung in den Hintergrund, wenn die Aufgaben für die Freiwilligen den Möglichkeiten angemessen definiert und verteilt sind. 

Daher können wir nur empfehlen: Nehmen Sie die Arbeitsstrukturen in Ihrem Weltladen mal unter die Lupe: ist für Außenstehende transparent, wie gearbeitet wird? Sind die Aufgaben klar definiert und ist ihre Verteilung eindeutig? Gibt es Entscheidungsbefugnisse für die Mitarbeitenden in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich? Wenn Sie unsicher sind, empfehlen wir Ihnen, sich kompetent beraten zu lassen.