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Ein neuer Weltladen entsteht: Frankfurt-Bornheim

 

 

Bede Godwyll, GEPA-Berater für die Neugründung von Weltläden

Vor einigen Wochen erblickte im Frankfurter Stadtteil Bockenheim ein neuer Weltladen das Licht der Welt. Aber nicht irgendeiner: Der neue Laden ist der erste, den die Weltladen-Betreiber-Genossenschaft aufgebaut hat. Und weil er nicht der letzte bleiben soll, wurde viel Zeit und Sorgfalt in die Vorarbeiten investiert. Konzepte für alle wichtigen Teilschritte wurden erarbeitet, um ein modernes Ladenkonzept professionell umzusetzen. 

Wir haben mit Bede Godwyll gesprochen, der in der Weltladen-Betreiber eG aktiv ist und den Laden in Frankfurt begleitet hat.

Bede, erstmal: Herzlichen Glückwunsch zur gelungenen Eröffnung! Berichte uns doch mal ein wenig davon, wie diese Erschaffung eines neuen Weltladens abgelaufen ist!

BG: Diese Neueröffnung war die erste, die wir als Weltladen-Betreiber eG umgesetzt haben. Dabei konnten wir von vielen jahrelangen Vorarbeiten profitieren, die wir selbst geleistet haben, aber auch von ein paar günstigen Faktoren vor Ort.

Die Verwirklichung eines neuen Weltladens beginnt stets mit einem Businessplan, in dem der Investitionsbedarf erstellt wird - hier dreht es sich um die Frage, wieviel Geld man in die Hand nehmen muss, um den Laden bis zur Eröffnung zu bringen. Daneben geht es um die zu erwartende Kostenstruktur, also die Frage, welche Kosten dauerhaft anfallen werden. Ebenso wichtig ist die kalkulatorische Ertragsrechnung, d.h. die Frage, welche Einnahmen man bei einer realistischen Planung erwarten kann und welcher Gewinn übrig bleiben kann.

Daraus ergibt sich dann, wieviel Kapital man braucht, um Vorarbeiten, Eröffnungsphase und Anlaufzeit finanziell abzusichern.

Neuer Weltladen in Frankfurt-Bockenheim

In diesem Fall ging das recht flott, weil wir den Standort Frankfurt sowieso schon im Blick hatten und einige Vorarbeiten bereits geleistet waren. Dazu kam dann, dass wir mit dem Weltladen Bornheim einen sehr erfahrenen Partner in der Nähe haben, der dem neuen Weltladen gut auf die Sprünge helfen kann und in dessen Umfeld auch leicht Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu finden waren, die helfen wollten, den neuen Laden zu gründen.

 

Der neue Laden arbeitet ja sowohl mit Haupt- als auch mit Ehrenamtlichen. Wie habt Ihr beide gefunden? Sind die Ehrenamtlichen Leute aus dem Bornheimer Ladenteam?

BG: Nein, wir wollten ja dem Bornheimer Laden keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wegnehmen. Wir haben vielmehr mit mehreren Infoabenden das neue Konzept vorgestellt, dazu in der lokalen Presse und über Multiplikatorinnen und Multiplikatoren und über viele gut vernetzte kirchliche und sozial engagierte Leute eingeladen - und hatten keine Probleme, genügend Interessierte zu finden. Wichtiger als vorhandene Kenntnisse über Weltläden war dabei übrigens, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die angedachten Arbeitsformen des Ladens offen sind, also z.B. keine Berührungsängste beim Umgang mit PC und Kassensystem haben. 

 

Nun unterscheidet sich der neue Weltladen ja von vielen anderen dadurch, dass manche Aufgaben zentral erledigt werden. Er ist also sozusagen die erste Filiale, zu der noch weitere kommen sollen, die dann umsetzen, was von der Genossenschaft bei Sortimentsplanung und Werbeplanung festgelegt wird. Hat dieser doch etwas begrenztere Freiraum die Interessierten nicht gestört?

BG: Nein, das war für alle überhaupt kein Problem. Ich glaube, man sieht, dass sich die Art des Engagements der Ehrenamtlichen verändert hat. Früher war ehrenamtliche Mitarbeit in einem Projekt wie einem Weltladen geprägt vom Wunsch, alles selber zu machen und zu experimentieren. Aber die Erwartungen der Kunden an den Fairen Handel sind gewachsen, und gleichzeitig ist heute den Aktiven offenbar wichtiger, dass sie sich an einzelnen Punkten einbringen können und eben nicht mehr alles selbst machen müssen, sondern im Gegenteil darauf bauen können, dass sie durch eine professionelle, moderne Struktur unterstützt werden. Vielleicht ist das auch eine hilfreiche Rückmeldung für viele existierende Weltläden, dass sie mal darüber nachdenken, ob Vorgaben und etwas mehr zentrale Steuerung für die potenziellen Ehrenamtlichen nicht doch entlastend wirken und ihnen die Angst nehmen, sich zu überfordern.

 

Kommen wir doch mal zum ganz praktischen Ablauf – Ihr habt ja auch recht viel mit Umbaumaßnahmen zu tun gehabt in dem neuen Laden, oder? Wie lief das denn genau ab?

BG: Die Vorbereitung des Ladenlokals war eigentlich einer der größten "Brocken": wir haben die Raumaufteilung verändert, Durchbrüche gemacht und hatten die Möglichkeit, bei Bodenbelag, Deckengestaltung und Schaufensterfront mitzuentscheiden bzw. den Laden so zu gestalten, dass er als Weltladen gut nutzbar ist. Also: viel Arbeit, aber dadurch auch viele Einflussmöglichkeiten. So haben wir z.B. nachhaltige Fliesen verwendet, die "cradle to cradle"-zertifiziert sind. D.h. sie sind aus gesunden Materialien und unter Verwendung möglichst vieler Recycling-Bestandteile hergestellt, es wird auf geringen Energieverbrauch und CO2-Ausstoß geachtet usw. Wer sich dafür interessiert, kann mal unter www.c2ccertified.org nachlesen, der Webseite der Zertifizierungsorganisation.

Neuer Weltladen in Frankfurt-Bockenheim

Dann stand natürlich die eigentliche Einrichtungsplanung an: wo platzieren wir welche Zone, wohin kommt die Theke und entsprechend die dafür nötigen Leitungen und Anschlüsse, wohin Heizkörper und Steckdosen. Und natürlich in unserem neuen Ladendesign-Konzept auch die Farbe der Wände entsprechend den dort platzierten Produktgruppen. 

(Anm.: Mehr zu diesem Konzept im GEPA AKTUELL 4/2017 auf S. 24f!)

 Weiter ging es dann mit der Deckenkonstruktion (wegen der Raumhöhe haben wir eine abgehängte Decke einbauen lassen) und dem Lichtsystem. Dann nur noch die Regale aufstellen, einräumen - fertig! (lacht)

 

Wie lange hat der Prozess, den Du jetzt gerade so kurz beschrieben hast, gedauert?

BG: Im Januar 2018 wurde der Mietvertrag unterschrieben und Ende Mai der Laden eröffnet. Und das ist, meinen wir, auch ein durchaus realistischer Zeitraum auch für andere Fälle - mit rund fünf Monaten Zeit kann man so etwas umsetzen. Weniger gut kalkulieren lässt sich natürlich die Suche nach einem Ladenlokal davor, das hängt ja auch vom Angebot auf dem Markt ab. Da kann es dann durchaus auch mal Sinn machen, den Spieß umzudrehen und zuerst mal Infoabende durchzuführen, Mitarbeitende und Kooperationspartner zu finden – und dann vielleicht mit deren Hilfe und Kontakte auch ein passendes Ladenlokal.

Insgesamt glaube ich, die vorgegebenen Arbeitsabläufe und die Planung der Einzelschritte, ergänzt um die Erfahrungen, die man bei jedem neuen Laden noch macht, sind schon eine sehr gute Grundlage, einen solchen Gründungsprozess zügig und effektiv umzusetzen. 

 

Neuer Weltladen in Frankfurt-Bockenheim

Zum Schluss noch die Frage: Was haben denn die existierenden Weltläden von diesem Konzept?

BG: Der Weltladen Bornheim und "Aktion Weltmarkt" in Frankfurt haben positiv auf die Nachricht reagiert, dass wir im Stadtteil Bockenheim einen weiteren Weltladen in Frankfurt auf die Beine stellen wollen. Genauso werden sich sicher die allermeisten Weltläden freuen, wenn die weißen Flecken auf der Landkarte allmählich verschwinden. Aber auch sie selbst können durchaus von dem Konzept profitieren. Das Fachwissen zur Zukunftssicherung steht bei den Beraterinnen und Berater, bei GEPA, den anderen großen Importeuren, der Fair Handelsberatung und etwa durch mich, für alle Weltläden bereit, die zu Fragen wie Standort, Ladengestaltung, professioneller Ladenführung oder Planungsrechnung Beratung brauchen. Die BeraterInnen freuen sich über jede Anfrage! Unserer Erfahrung mit diesem Konzept werden wir als Genossenschaft zur gegebenen Anlässen gerne weitergeben.

 

Mehr Informationen zur Weltladen-Betreiber eG gibt es unter https://weltladen-betreiber.de

 

Meilensteine auf dem Weg zum Weltladen Bockenheim

Ende Januar 2018: Unterzeichnung des Mietvertrags für das Ladenlokal

Anfang März 2018: Erste Grobplanung für den Laden, erster Infoabend zur Anwerbung von Freiwilligen

Ende März 2018: Auftragserteilung zur Möbelproduktion für den Laden, Fertigstellung des Umbaus und Übergabe der Räume

Anfang April 2018: Beginn des Mietvertrages

Mitte April 2018: Erste Schulung für die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen

Anfang Mai 2018: Einstellung der ersten hauptamtlichen MitarbeiterInnen der Genossenschaft

Mitte Mai 2018: Ladenbau

Ende Mai 2018: Eröffnung