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Weltlden modernisieren: gemeinsam in die Zukunft

Der Faire Handel wächst: der Absatz fair gehandelter Produkte in Deutschland steigt seit einigen Jahren kontinuierlich. Das ist die gute Nachricht, und sie wird zu Recht auf den diversen Kanälen des Fairen Handels immer wieder publiziert. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass sich dieses Wachstum außerhalb des eigentlichen Kerns des Fairen Handels abspielt: Das Umsatzwachstum der Weltläden bleibt bescheiden, obwohl die Weltläden eine breitere Palette von fair gehandelten Produkten führen und an vielen Standorten tätig sind. 

Verschiedene Umfragen und Studien bescheinigen dem Fairen Handel immerhin eine größere Zielgruppe als bis jetzt erreicht worden ist. Diese Erkenntnis erfordert neue Maßnahmen, um diesen neuen Kundenkreis zu erschließen.

In einem gemeinsamen Projekt unter der Überschrift „Miteinander FAIR in die Zukunft – Die Initiative für Weltläden“, bündeln die vier großen Importeure Deutschlands gegenwärtig ihre Maßnahmen, um die Zukunft der Weltläden zu sichern. 

Wir haben mit Bede Godwyll gesprochen, der für GEPA an diesem Projekt arbeitet. Er ist seit vielen Jahren schon Ansprechpartner für Maßnahmen zur Professionalisierung der Weltläden und hat viele Projekte und Initiativen in diesem Bereich begleitet.

 

Das Bild zeigt den Weltladen Balingen, einen der ersten nach dem neuen Konzept umgestalteten Weltläden. 

 

Frage: Bede, sag doch zunächst mal: Wer sind die Träger des Projekts und wie kam es dazu?

Bede Godwyll: Das Projekt „Miteinander FAIR in die Zukunft“ wird gemeinsam getragen von GEPA, dwp, EL PUENTE und GLOBO. Zwischen diesen Importeuren gibt es schon lange einen Austausch über Erfahrungen im Bereich Professionalisierung und Modernisierung der Weltläden. Von Seiten der Weltläden wird ja auch immer wieder gefordert, dass wir enger zusammen arbeiten, um Doppelarbeit zu vermeiden – völlig zu Recht. Mit dieser Initiative versuchen wir das nun: Wir haben beschlossen, unseren Aussendienst so zu koordinieren, dass jeder Weltladen einen Aussendienst-Mitarbeiter als festen Ansprechpartner hat, der den Laden berät und begleitet, wenn Veränderungen im Laden anstehen. Die Informationen werden dann von dem oder der Aussendienstler/in an alle vier Importeure weitergegeben. Das reduziert den Arbeitsaufwand für uns und auch für die Weltläden und der Laden kann sicher sein, dass die Importeure alle auf dem gleichen Kenntnisstand sind.

 

Nun ist es ja aber so, dass Weltläden seit Jahren auch von der Fair Handelsberatung begleitet werden. Gibt es hier auch eine Zusammenarbeit?

Bede Godwyll: Die Fair Handelsberatung ist sozusagen der fünfte im Bund und bringt sich und ihre jahrelange Erfahrung ebenfalls mit ein. Die Berater können genau so wie die Aussendienster Projekte begleiten und diese Information innerhalb der Initiative weitergeben. 

 

Um welche Themen genau wird es denn bei dieser Begleitung gehen?

Bede Godwyll: Das ist ein breites Spektrum rund um die Modernisierung, Neugestaltung und Umsatz-Verbesserung der Weltläden. Von der Beratung bei der Wahl der Rechtsform für neugegründete Weltläden, der Auswahl und Beurteilung von Laden-Standorten über Ladengestaltung und Sortimentspflege bis zu betriebswirtschaftlicher Planungsrechnung oder Umsatzanalyse reicht das Themenfeld. Wir wollen einfach zu allen Fragen, die einem Weltladen in punkto Wachstum und Umsatzausweitung begegnen Angebote machen.

 

Was genau gibt es denn da alles an konkreten Angeboten?

Bede Godwyll: Erstmal ist mir wichtig zu betonen, dass alle Unterstützung individuell und maßgeschneidert sein soll. Wir bereiten grundlegende Konzepte, Methoden und Hilfsmittel vor, aber wir setzen sie in jedem einzelnen Weltladen so ein, wie das die jeweilige Situation dort erfordert. Nicht jeder braucht eine Standortanalyse, nicht jede Planungsrechnung sieht gleich aus – wir stellen das Know-How zusammen, was davon wie eingesetzt wird, entscheiden wir dann im Einzelfall.

Zu den Komponenten gehören aber auf jeden Fall moderne elektronische Kassensysteme für die Verkaufs-Abwicklung und die Warenwirtschaft. Damit werden Weltläden den Anforderungen des Einzelhandels gerecht – und nebenbei bemerkt: die rasche und zuverlässige Warenwirtschaft ist nicht nur für die Einkaufsplanung des Weltladens super wichtig, sondern auch für uns Importeure. Wir können viel bessere Vorarbeit leisten und Engpässe vermeiden, wenn wir hier bessere Informationen aus den Läden bekommen.

Bei der Sortimentsplanung werden wir das große Angebot der verschiedenen Importeure in Kategorien gruppieren, übergreifende Warengruppen bilden (die dann auch in die Warenwirtschaft integriert werden können) und so eine Sortimentsführung mit klaren Schwerpunkten vereinfachen.

Wirtschaftliche Planungsrechnung umfasst Fragen wie: Wieviel Kapital braucht man, welche Kosten kommen auf den laden zu, wieviel Umsatz wird man machen müssen, um die Kosten zu decken, wieviel Personal braucht man usw. Mit diesen Fragen haben wir ja seit vielen Jahren schon große Erfahrung gesammelt. Die Devise heißt: „Gute Projekte mit Chancen auf Erfolg sollen nicht an der Finanzierung scheitern!“

 

Konzepte zur Modernisierung von Weltläden werden ja immer beim Thema Ladenbau besonders spannend, weil man das sehen kann. Was gibt’s da zu sagen?

Bede Godwyll: Ein moderner und nachhaltiger Ladenbau bildet einen der wichtigsten Bausteine der neuen Maßnahmen. Die Gestaltungsprinzipien umfassen dabei einen ganzheitlichen, nachhaltigen Ansatz, der durch natürliche Materialien, Optik und Design ein Ambiente hervorruft, das die Besonderheit der präsentierten Waren unterstreicht. Ein neues Farbkonzept soll eine Atmosphäre des Vertrauens und der Sinnlichkeit im Laden erzeugen, die die Werte des Fairen Handels mit den Erwartungen des Konsumenten nach Qualität, Ehrlichkeit, Transparenz und Authentizität verbindet. 

Besonders interessant ist dabei sicher, dass wir beim Ladenbau die gleichen Grundsätze anlegen wie bei den Produkten des Fairen Handels, nämlich Fairness zu Menschen und zur Natur. Daher lassen wir alle Elemente des Ladenbaus in einer speziellen Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, der Werkstatt Bethel in Bielefeld produzieren (man findet sie im Internet unter www.bethel.de). Das Holz für die Einrichtung wird zudem aus dem Programm „Holz von hier“, (www.holz-von-hier.de) bezogen, das für eine nachhaltige und regionale Holzwirtschaft bürgt. Dadurch lässt sich jetzt nicht nur die Herkunft der Produkte zurück verfolgen, die verkauft werden, sondern auch die Herkunft der Warenträger, und das ist schon etwas Besonderes!

Den Baustein Ladenbau entwickelte die GEPA in Zusammenarbeit mit der Agentur „Wiederverwandt“ www.studiow.strikingly.com aus Köln in den letzten zwei Jahren und ist unser neuer Beitrag bei dieser Initiative zu bestehenden Ladenbau Konzepten. 

 

Habt ihr denn das Konzept schon in der Praxis ausprobiert?

Bede Godwyll: Oh ja! Die ersten Pilotprojekte mit dem Ladenbausystem fanden großen Anklang, sowohl bei den Weltläden z.B. in Balingen, Witten und Mainz, als auch bei deren Endkunden. Einen fehlenden Baustein haben wir in diesem Jahr endlich auch ergänzen können: ein nachhaltiges Beleuchtungskonzept! Auch wenn wir lange suchen mussten, es gibt Leuchten-Hersteller, welche ausschließlich regional in Deutschland produzieren und zudem großen Wert auf nachhaltige Produktion legen. Unser Partner „Silence Lights“ (www.silence-lights.de) aus Groß-Umstadt bietet bezahlbare, energiesparende LED Beleuchtung mit fünf Jahren Garantie für den Einsatz im Weltladen an. So können wir die neuen Weltläden schick und hell ausgestalten, ohne dabei unsere Grundsätze von Fairness und Umweltschutz zur Seite legen zu müssen.

 

Dann jetzt mal ganz konkret: Was muss ein Weltladen tun, wenn er diese neuen Angebote in Anspruch nehmen will? Und was kostet das Ganze?

Bede Godwyll: Als erstes sollte der Weltladen Kontakt mit seinem/seiner Berater/in aufnehmen, wenn Veränderungen im Laden, wie Umbau, neue Anschaffung oder Umzug anstehen. Nach einer kurzen Beurteilung des Vorhabens anhand einer Checkliste beginnen wir mit einem Beratungsprozess, bei dem das ganze Know-How des Programms dem Laden zur Verfügung gestellt wird. Für den Laden entstehen erst einmal keine Kosten, die anfallenden Kosten für diese erste Beratungsphase können durch das Programm abgedeckt werden. Dies ermöglicht dem Laden, zunächst einen kompetenten und professionellen Einblick in das Projektvorhaben zu erhalten, ohne selbst größeren finanziellen Aufwand dadurch zu haben. Bei der GEPA werde ich als Ansprechpartner hinzugezogen, nachdem meine Aussendienst-KollegInnen die erste Beurteilung vorgenommen haben.

Danke für das Gespräch - und viel Erfolg bei der Umsetzung!

 

Das Gespräch wurde im Herbst 2017 geführt